„Kärnten-Pamphlet zum 10. Oktober von Josef Winkler“


„Was, wenn ein Kind in einem der schönen Seen ertrinkt?“ Ansichtskarte aus Pörtschach, 1958. • Horst-Jürgen Schunk / ChromOrang

Josef Winkler: Warum ich in Kärnten bleibe

10.10.2021 DIE PRESSE, Spectrum
von Josef Winkler

Man hat mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt noch hier in Kärnten lebe. Ich antworte immer mit einem Satz von Herbert Achternbusch, der über seine Heimat Bayern gemeint hat: „Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das ansieht!“

„Den Vorsichtigen: Es fällt Schnee im Maquis, und das heißt für uns unausgesetzt gejagt werden. Ihr in euren tränenlosen Häusern, mit eurem alle Liebe erstickenden Geiz darin, eurem warmen Tagaus-und-Tagein: Euer Feuer ist ein Krankenwärter, sonst nichts. Zu spät. Der Krebs in euch hat gesprochen. Die Heimat hat keinerlei Macht mehr.“
(René Char)

Aufgewachsen bin ich im Kärntner Drautal, über 100 Kilometer vom slowenischsprachigen Gebiet von Kärnten entfernt, auf einem kleinen Bauernhof in einem kreuzförmig gebauten katholischen Dorf. Bis zu meinem 17. Lebensjahr wusste ich nichts von einer slowenischen Minderheit in Kärnten, es war weder in der Schule, noch in der Kirche auffällig davon die Rede. Ich hatte zumindest das Glück, in keinem katholisch oder national fanatisierten Elternhaus aufgewachsen zu sein. Meine Mutter, die im Zweiten Weltkrieg drei Brüder im jugendlichen Alter verloren hatte, zwei in Russland, einen in Jugoslawien, war verstummt, es hatte ihr und ihrer ganzen Familie, wie man so sagt, die Sprache verschlagen, sie wollte vom Krieg und von den Kriegsgräueln nichts wissen und hören. Die Magd war taubstumm, der Knecht ein Analphabet, der mit drei Kreuzen unterzeichnete, wenn er etwas unterschreiben musste. Der Vater, der im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtssoldat überlebt hatte, hatte also keinen Zuhörer im Haus. Er musste sich alleine in den Kriegsgeschichten seiner Vergangenheit wortlos vergraben. Nicht selten traf ich ihn, wenn er sich alleine meinte, mit sich selbst redend an, er hörte aber sofort auf mit den Selbstgesprächen, wenn jemand überraschend auftauchte. Man hörte ein Geschwurbel, als wenn man den Sendersucher eines Radios schnell weiterdreht, kein einziges Wort konnte man verstehen.

Wenn er dann doch wieder einmal vom Krieg als Abenteuer berichtete, antwortete die Mutter: „Im Krieg ist es euch wohl zu gut gegangen!“ Und die Antwort des Vaters war nicht selten: „Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, wäre ich in meinem Leben nirgendwo hingekommen, weder nach Deutschland, noch nach Frankreich, auch nicht nach Holland!“ Es musste also Krieg geben, damit er sein Heimatdorf verlassen und „die Welt sehen“ konnte.

Oft erzählte er, dass seine Truppen in Frankreich, in Calais, eingekesselt waren: „Monatelang haben wir nur aufs Wasser geschaut! Da habe ich mir überlegt, ob ich mir doch die Kugel geben sollte! Aber meine Mutter hat mir ein paar Gebetssprüchlein mitgegeben, die mir geholfen haben!“ Erst wenn – wie alljährlich – zu Allerheiligen und Allerseelen der Bruder meines Vaters, der bei der SS in Nürnberg gewesen war, zur sogenannten Gräberbesprengung, zur Gräberweihe seiner Eltern, kam, wurde wieder gehetzt, und dabei hörten wir auch aus dem Mund des Vaters die Worte: „Hitler hätte doppelt so viele Juden umbringen sollen!“ und „Das KZ Mauthausen haben sie viel zu früh zugesperrt!“

Wir Kinder ließen uns von den Maulhelden nicht beeindrucken, sie konnten uns nicht fanatisieren im Sinne eines Satzes von Marie von Ebner-Eschenbach: „Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie!“ Das Gegenteil war der Fall, wir machten uns darüber lustig, wenn die Kriegsabenteuer-Erzähler am Allerheiligentag nach der Gräberbesprengung in den Stall gingen und den neuesten prämierten Pinzgauer-Stier bewunderten. Wir nahmen neben den Beinen der Szegediner Gulasch oder Wiener Schnitzel in brutzelndem Schweinsfett herausbratenden Mutter Kochtöpfe aus der Anrichte, setzten sie als Stahlhelme auf den Kopf, simulierten einen Schützengraben, warfen uns auf den Boden, äfften den Vater nach und riefen: „Stellts euch vor, eine Kugel hat meinen Hals gestreift. Nur ein paar Millimeter, dann wäre ich weg gewesen!“ Und wir hüpften mit dem Topf auf dem Kopf hinter dem Rücken der bratenden Mutter umher und feixten: „Dann wäre ich weg gewesen, weg wäre ich gewesen!“ Erst wenn wir wieder die Schritte der Männer im Flur hörten, schoben wir die Töpfe neben den Beinen der wortlosen, geduldigen, längst Psychopharmaka schluckenden Mutter in den Schrank, begaben uns – Grimassen schneidend – artig an den Tisch und spitzten die Ohren.

Mich ließ man nicht in die Hauptschule gehen, ich musste mit den anderen Arbeiter- und Bauernkindern acht Jahre lang in der Dorfvolksschule bleiben, während meine älteren Geschwister in die Hauptschule gehen durften. „Besser ein gutes Volksschulzeugnis als ein schlechtes Hauptschulzeugnis!“, hat es geheißen. Man nahm also von vornherein an, dass mein Hauptschulzeugnis schlecht sein würde, ich vielleicht sogar zurückversetzt werde, in die Dorfvolksschule. Im sogenannten A-Zug in der Hauptschule in Feistritz an der Drau lernte man auch Englisch, im B-Zug nicht. Es hat nichts geholfen, dass ich meine Eltern angebettelt habe, wenigstens in den B-Zug gehen zu dürfen, den A-Zug habe ich mir selber nicht zutrauen können.

Zum 10. Oktober malten wir mit Wasserfarben die gelb-rot-weißen Kärntnerfahnen und steckten sie an die Fenster und liefen mit den knisternden und knatternden Papierfähnchen die Dorfstraße hinunter und hinauf. In der Dorfvolksschule hatten wir keinen maßgeblichen Geschichtsunterricht. Erst als man in meinem Heimatdorf gegen Ende der Sechzigerjahre ein riesiges Plakat auf eine Heustadelwand pickte, auf dem man einen schmalen, großgewachsenen Mann mit einer Baskenmütze sah, vor dem ein Kind stand, das fragte: „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric – warum sogen s' zu dir Tschusch?“, schreckten wir endlich auf, aber von einer slowenischen Minderheit in Kärnten war bei uns im Dorf noch immer nicht die Rede. Um diese Zeit, als ich mich längst schon mit Weltliteratur beschäftigte, nagelte ich mit großköpfigen Heftzwecken ein Plakat auf die verlotterte Heustadelwand meines Vaters, darauf stand ein Satz des damaligen Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn: „Eine Literatur, die nicht den Schmerz und die Unrast der Gesellschaft wiedergeben kann, die nicht vor den moralischen und sozialen Gefahren warnen kann, verdient den Namen Literatur nicht.“ Jahrelang wagte es niemand im Dorf, das Plakat, das mehr und mehr verstaubte und hinter dem von Jahr zu Jahr mehr Strohhalme steckten, zu entfernen.

Der jugoslawische Taufschein

In meinem Heimatdorf Kamering lebte ein Slowene, der zugeheiratet war und zeitlebens ein Außenseiter blieb, streng katholisch, trunksüchtig, von den Dorfbauern gehänselt, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig war, der aber über Jahrzehnte für Maurerarbeiten ausgenutzt wurde. Auch wir Kinder äfften ihn nach, wenn er wieder einmal in guter Laune seine dorfbekannten Sätze zum Besten gab: „Schöne Wetter heute, Vogel feifen! KELAG brauchen lange Leitung, funfzig Meter Kupferdraht!“ Kurz bevor er starb, suchte der zeitlebens gedemütigte, gottesgläubige Mann den Dorfpfarrer auf und flehte ihn weinend an: „Herr Pfarrer, ich möchte meinen jugoslawischen Taufschein haben, ich möchte mit meinem jugoslawischen Taufschein in der Hand sterben und begraben werden!“

In diesen Siebzigerjahren tauchte alle zwei Wochen der „Ruf der Heimat“ auf, ein gruseliges Hetzblatt des „Kärntner Heimatdiensts“, in dem immer wieder von einer bevorstehenden Invasion Jugoslawiens gewarnt wurde und das in der ländlichen Bevölkerung, auch in meinem Elternhaus, Angst schürte. Manchmal blätterte mein Vater abends nach der Stallarbeit darin – mit Kuhdreck unter seinen Fingernägeln – und schwärmte bei der Feldarbeit oder im Stall davon, bis ich die Zeitung, kaum hatte sie der Briefträger ins Haus gebracht, aufs Plumpsklo trug. Der Vater hatte dort, also am stillen Ort, zumindest so lange Zeit, dem „Ruf der Heimat“ zu folgen, bis er sich wohl oder übel damit seinen Hintern abputzen und die zusammengeknüllten Zeitungsfetzen im Loch verschwinden lassen musste. Klopapier gab es bei uns damals keines. Über jeden Verdacht erhaben war der Klodeckel! Hut ab vor dem „Kärntner Heimatdienst“, der uns so lange vor dem Einmarsch der jugoslawischen Truppen bewahrt hatte. Manchmal fand man auf den frisch gedüngten Feldern meines Vaters ein paar zusammengepappte und von Jauche durchtränkte, vor Tito warnende Zeitungsfetzen zwischen den hochwachsenden Getreideähren, wo der „Ruf der Heimat“ im Drautal kläglich verhallte.
Im Jahr 1973, als ich im Büro der Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt als „Schreibkraft“ angestellt wurde, waren es zwei Kärntner Slowenen, Germanistik- und Slawistikstudenten, mit denen ich mich besonders angefreundet hatte, von denen ich mehr und mehr vom Leben im slowenischsprachigen Gebiet von Kärnten erfuhr, das mir so lange verborgen geblieben war. Damals erschienen erhellende Bücher von Peter Handke und Florjan Lipuš, nämlich die Erzählung „Wunschloses Unglück“ und der Roman „Der Zögling Tjaz“. Als „Der Zögling Tjaz“ in Wien von Florjan Lipuš im Beisein von Peter Handke vorgestellt wurde, kam auch Bruno Kreisky zur Lesung.

Als Präsident des Österreichischen Kunstsenats darf ich auch sagen, dass es uns Senatsmitgliedern 2018 gelungen ist, Florjan Lipuš mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für sein literarisches Werk auszuzeichnen. Es hat weit über ein halbes Jahrhundert gedauert, bis das erste Mal ein Kärntner Slowene, der ausschließlich auf Slowenisch schreibt, die höchste literarische Auszeichnung der Republik Österreich erhalten hat. Damit hat es sich nun auch herumgesprochen, dass die muttersprachliche Literatur der Kärntner Slowenen österreichische Literatur ist.

Wie man weiß, hat Klagenfurt, die Landeshauptstadt von Kärnten, seit über 70 Jahren keine Stadtbibliothek. Vor zwölf Jahren habe ich sie bei meiner Eröffnungsrede des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes eingefordert. Es hat sich bis heute – bis auf die politischen Bekenntnisse einer Handvoll Ober- und Unterlippen – nichts getan. Stattdessen hat Klagenfurt mit einer Einwohnerzahl von 100.000 ein Fußballstadion mit 33.000 Sitzplätzen, das ein paarmal im Jahr voll besetzt ist, aber bis heute über 100 Millionen Euro verschlungen hat. Eine Stadtbibliothek in Klagenfurt würde um die 25 Millionen kosten. Zehn Jahre später habe ich bei der 500-Jahr-Feier der Stadt Klagenfurt neuerlich eine Stadtbibliothek gefordert und von den Machenschaften korrupter Politiker und Kapitalverbrecher gesprochen. „Wenn die Republik Österreich den durch das Hypo-Banken-Desaster entstandenen Kärntner Schuldenberg in der Höhe von ungefähr neun Milliarden Euro nicht aufgefangen hätte, gäbe es dann heute noch eine offene Schule oder ein offenes Krankenhaus in diesem Land?“, habe ich damals gefragt. Bei dieser Feier habe ich auch davon gesprochen, dass ich von bestimmten Herren aus der FPÖ als „Kärnten-Hasser“ und „moderner Hassprediger“ bezeichnet werde, seit ich vorgeschlagen habe, die Urne des verstorbenen Landeshauptmannes Jörg Haider in eine bewachte Gefängniszelle zu verlegen, um zu verhindern, dass er wie ein Phönix aus seiner Asche steigt, sein Unwesen treibt und sich wieder als blaues Wunder verkauft, denn schon zu Lebzeiten hat er öfter gesagt: „Ich bin weg! Ich bin wieder da! Ich bin wieder weg! und gleich wieder da!“ Denn ich bin die liebe Mumie und aus dem Bärental kumm i e, um eine Gedichtzeile von H. C. Artmann zu paraphrasieren.

Die FPÖ hat wegen meiner Rede Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt erstattet. Der Akt ist weitergegangen an die OberstaatsanwaltschaftGraz, schließlich ans Justizministerium. In einem Fernsehbeitrag hat der damalige Sektionschef des Justizministeriums, Christian Pilnacek, gemeint, dass es sich bei dieser Rede wohl um eine intellektuelle und nicht um eine juristische Auseinandersetzung handelt. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Jedes Mal,wenn ich an der immer noch heroisierenden Unfall- und Gedenkstätte von Jörg Haider vorbeifahre – der braune Schaß der Nazi-Erbschleicher auf der Friedhofsmauer –, stelle ich mir vor, über diesen pervertierten, kitschigen Gedenkplunder ein paar Eimer heißen Asphalts zu schütten. Und zwar besonders am 10. Oktober, wenn eine Garde braun angezogener FPÖ-Politiker dort steht und auf ihre stählernen Tränendrüsen drückt, bis warmer Asphalt über ihre pausbäckigen Wangen rinnt und auf ihr Goiserer-Schuhwerk tropft.

Man hat mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt noch hier in Kärnten lebe. Ich antworte immer mit einem Satz von Herbert Achternbusch, der über seine Heimat Bayern gemeint hat: „Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe, bis man ihr das ansieht!“ Und wo käme denn die deutsche Literatur hin, füge ich immer als zweite Antwort hinzu, wenn alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller im zweiten Bezirk in Wien oder am Prenzlauer Berg in Berlin leben würden?!

Gefahr ist im Verzug

Seit zwei Jahrzehnten hängt übrigens auch das Klagenfurter Hallenbad in den Seilen. Seit zwei Jahrzehnten heißt es, dass es wegen Einsturzgefahr saniert werden müsse. Da bisher aber nichts geschehen ist, muss es nun aus Sicherheitsgründen abgerissen werden. Ersatz gibt es keinen. Abertausende Klagenfurter Kinder haben in diesem Hallenbad in den letzten Jahrzehnten schwimmen gelernt. Die nächste Badesaison an den schönen Kärntner Seen kommt bestimmt, mit oder ohne guten Wettergott. Ob die zuständigen Politiker, die sich rund um Kärntens Seen um ihre davonschwimmenden Felle sorgen, begriffen haben, dass Gefahr in Verzug ist? Was, wenn ein Kind, dem es verwehrt wurde, unter sicheren Bedingungen schwimmen zu lernen, in einem der schönen Seen, auf deren Trinkwasserqualität man so stolz ist, ertrinkt? Dann, aber dann, winkt im umgedrehten Spieß das Fleisch des Stachels mit dem Zaunpfahl!